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Auszüge aus dem Gespräch mit Ilan Stephanie über Musiktherapie, Stimmarbeit und die Wirkung auf das Nervensystem als Heilung für Traumata!

Klänge im Körper — Kosmos

Das Nervensystem hat eine entscheidende Rolle für die Heilung von Traumata. Kannst du etwas Allgemeines sagen über die Wirkung von Musik auf unser Nervensystem?

Unser Nervensystem reagiert unwillkürlich auf Musik, der Körper beginnt – sichtbar oder unsichtbar – mitzuschwingen. Musik wird über den Hörnerv direkt zum limbischen System, dem Hypothalamus und zum Hirnstamm geleitet. In der Musiktherapie sprechen wir von ergotroper Musik (die den Sympathikus stimuliert) und trophotroper Musik, (die den Parasympathikus stimuliert).

Entspannende, also trophotrope, Musik kann zu Blutsdruckabfall, Verlangsamung der Puls- und Herzfrequenz und zu einem Gefühl der inneren Ruhe beitragen.

Singen hat einen noch stärkeren und direkteren Einfluss auf das Nervensystem. Der Körper tönt ja immer und automatisch in seiner Eigenschwingung! Diese eigene Körpermusik ist natürlich perfekt auf mich abgestimmt. Bei ihr kann es kein Zuviel oder Zuwenig geben, sie kann nicht unpassend sein, wie das bei Musik von außen der Fall sein könnte.

Singen hat dadurch das Potential, die verschiedensten Glücks – und Bindungshormone auszuschütten, wie zum Beispiel Oxytocin und Endorphine. Singen kann den Kortisolspiegel (Kortisol ist ein Stresshormon), den Blutdruck und die Herzfrequenz senken.

Darüber hinaus hat die Kehlkopfmuskulatur eine direkte Verbindung zum Vagusnerv, der ja eine Schlüsselrolle spielt bei der Regulation im Nervensystem. Und natürlich beeinflusst Singen den Atem und den Muskeltonus, es verlängert die Ausatmung, führt zu einer vertieften Zwerchfellaktivität und massiert dadurch Magen und Darm.

Natürlich sind das keine mechanischen, unwillkürlichen Vorgänge und viele Menschen, vor allem in unserem Kulturkreis, haben Hemmungen, einfach zu singen. Ich habe oft gehört dass sie als Kinder zum Beispiel über ihr Singen oder ihren Stimmausdruck beschämt wurden, indem ihnen jemand sagte, sie können nicht singen. Wenn aber in einer Situation gesungen wird, in der der Körper entspannen kann, erleben die meisten die positiven Auswirkungen von Musik und Singen.

Musik und vielmehr noch Singen geht „unter die Haut“, kann uns Gänsehaut machen oder zum Weinen bringen – es ist ein großartiger Ausdruckskanal für Emotionen. Vor allem, wenn Musik an positive emotionale Erlebnisse und Erinnerungen geknüpft wird, kann sich ihre Wirkung immens verstärken. Das geht so weit, dass wir durch Musik und Singen in Flow-Zustände getragen werden können.

Ehrlich gesagt dachte ich lange, in der Musiktherapie würde ich als Klientin einfach mit Tönen behandelt – ich würde sozusagen gebadet werden in einem Meer aus Klängen und Schwingungen. – Wie kann ich mir denn das Spektrum von Musiktherapie vorstellen? Mache ich aktiv Musik – oder höre ich auch manchmal nur zu? Was ist in diesem Kontext überhaupt „Musik“? Hast du ein paar Beispiele dafür?

Das Phänomen der (heilsamen) Wirkung von Musik auf den Menschen begründet die musiktherapeutische Forschung unter anderem auch mit vorgeburtlichen musikalischen Erfahrungen. Der erste Sensor in der embryonalen Entwicklung ist der Sensor Berührung“ für taktil-haptische Erfahrungen, der maßgeblich ist für Reiz-Reaktionsbildung, für die Entwicklung des Körpers. Berührung und Bewegt-Werden sind Nahrung für die Nerven, die sich daraufhin entwickeln können.

Als nächstes bildet sich der Sensor des Hörens, doch bereits vor dem Hören nimmt der Embryo Schwingungen und Rhythmen wahr, die ihn, (wie wir das später bei Musik auch tun) mitschwingen lassen. Wenn das Gehör als Sinnesorgan hinzukommt (nach 4 bis 4,5 Monaten), werden Schwingungen in einer Gleichzeitigkeit mit dem Hören erlebt. Der Körper des Embryos nimmt die die Stimme der Mutter, Organgeräusche der Mutter und natürlich den Herzschlag auf. (Dieser wird in der vorgebritiche Zeit 26-28 Millionen Mal aufgenommen.)

Unsere Lust am Tanzen ist also schon im pränatalen Zustand angelegt – die Verbindung des bewegten Körpers zu Geräuschen, Klängen, Rhythmen: Musik. Der intra-uterine Zustand (unsere Entwicklung in der Gebärmutter) wird meistens (abgesehen von vorgeburtlichen Traumata) als ein Zustand von Geborgenheit, Sicherheit, Zugehörigkeit erlebt. Auch später werden mit dem Rhythmus oder mit rhythmischer Musik in der Musiktherapie diese Phänomene im Erleben verbunden: Sicherheit, Stabilität, Geborgenheit, Struktur, Erdung u.s.w.

Ich fand superinteressant, als du gesagt hast, dass Stampfen, Rhythmen, Trommeln, usw. nach traumatischen Erfahrungen viel wichtiger sein können, als dass wir dieser Sehnsucht nachgeben, uns in den Klängen „wegtragen“ zu lassen. Dieser Bezug zwischen Dissoziation und Wegschweben… kannst du dazu etwas sagen?

Ich bin mir sicher, dass in der Musiktherapie viel „rumdissoziiert“ wird. Es kann auch sehr leicht sein, so ein bisschen halb da, halb nicht da zu sein – Töne zu erzeugen und sich, wie du sagst, von den Klängen wegtragen zu lassen. Auch beim Singen, gerade beim freien Improvisieren von langen Tönen, können vor allem traumatisierte Menschen sehr leicht dissoziieren.

Aus dem Grund ist es wichtig, für Erdung zu sorgen. Alles, was mit Rhythmus zu tun hat, hilft der Erdung. Gleichzeitig ist es Ich-stärkend und hat mit Selbstbehauptung zu tun: Es ist klar und es macht klar, die Regelmäßigkeit sorgt für das Gefühl von Stabilität, Sicherheit und Struktur. Der Rhythmus macht uns wach, lässt uns da sein, er gibt einen Fokus. Rhythmus und Körper hängen eng zusammen, und das können wir wunderbar nutzen, um das Vertrauen in die eigene Kraft und in die eigenen „Wurzeln“ zu stärken. Zum Beispiel im Tanzen wird der eigene Körper wieder zugänglich, als eine ganz konkrete Heimat, die Sicherheit bietet, auch und gerade weil sie so lebendig und verletzlich ist! Tanz macht deshalb einen großen Teil in meiner Arbeit aus.

Musik, Stimme und sexuelle Heilung

Ich würde zunächst sagen, dass Musik und Klänge per se keine sexuellen Traumata heilen können. Aber durch die Möglichkeit, kreativ, einen authentischen Ausdruck zu finden, der präverbal ist, können individuelle Heilungswege entdeckt werden. Und in der Kreativität, begleitet durch einen Person oder eine Gruppe, kommt man aus der Ohnmacht, aus dem Nichtstun heraus, man beginnt aktiv zu gestalten, zu formen und erlebt die Erfahrung von Sinn, Selbstausdruck, der das Eigene, individuelle Selbst/Ich spürbar werden lässt und stärkt.

Singen schließt ja, wie schon gesagt die Körpererfahrung mit ein. Der Körper erlebt sich in Eigenschwingungen, die sehr heilsam sind und die keine Überforderung darstellen können, weil immer nur so viel zugelassen wird, wie auch ertragen werden kann. Damit werden positive Körpererfahrung der Selbstheilung erlebt. Der Körper wird (wieder) als lebendig empfunden, als Träger und Ausdrucksmittel von Klang, der als schön oder zumindest als interessant empfunden wird und der auch das „Nicht-Spürbare“ bemerkbar macht. Das ist ein Phänomen, das auch von Menschen beschrieben wird, die sagen, sie dächten oder jemand hatte ihnen gesagt, sie können nicht singen. Wenn es in der Arbeit um die eigene Stimme geht, die durch Atem und Spüren entsteht, überwiegt das positive Gefühl die Bewertung. Auch hier geht es um die behutsamen Schritte.

 Kannst du noch etwas konkret zur Bedeutung von Stimme sagen?

Ich finde die Arbeit mit Stimme grundsätzlich spannender und tiefgehender als mit Instrumenten, weil Stimme das eigene Körperinstrument ist, individuell und einzigartig. Ausdruck über die Stimme ist der körpereigene Ausdruck. Sich selbst als Klanginstrument zu erleben, ist eine sehr bereichernde Erfahrung, die manchmal auch etwas Mut kostet, aber sich sehr lohnt.

Meine Gesangslehrerin fragte immer neben meiner Wahrnehmung, des gehörten Klangs, wie er sich im Körper anfühle. Dabei habe ich bemerkt, dass ich allein mit dem Hören sehr viel stärker bewerte, wie meine Stimme klingt. Das Körpergefühl dazu war aber meistens gut und interessnt. Ich begann dann auch immer mehr oder zumindest genauso auf das Körpergefühl zu achten, wie auf das, was ich tatsächlich höre. Interessant war, dass sich dabei auch mein Hören veränderte.

In meiner Arbeit rücke ich sehr die Körperwahrnehmung in den Mittelpunkt. Wie fühlt sich der Körper an? Wo klingt die Stimme? Wo klingt sie nicht? Wie verändert sich (oder nicht) der Atem? Wie bereichert Bewegung meine Stimme? Oft ist die Antwort: Weicher, weiter, lebendiger. Tönen an verschiedenen Körperbereichen, lässt diese kribbeln, pulsieren. Unspürbares oder Taubes kann gefühlt werden.